Man sagt, ein Gedicht soll vortrefflich sein

Viktorija Blazheska 

Man sagt, ein Gedicht soll vortrefflich sein,
und womöglich ehrlich, oder auch nein.
Darf ich denn, beliebig, dem Reim zuliebe
verdrängen alle grammatische Triebe?
Ich will schreien, doch sitze hier unschuldsvoller Miene.
Wozu soll denn eine solche Übung dienen?
Die wilde Jagd nach Worten, den modrigen Pilzen
kann meinen Namen in keinen Baum der Ewigkeit ritzen.
Und trotzdem:
In Booten
In Booten
In Booten gegen den Strom
stemme ich mich voran
stemmst du dich voran
stemmen wir uns voran
vorwärtsgeworfen ins Zukünftige.
Man sagt, ein Gedicht soll vortrefflich sein,
und womöglich ehrlich, oder auch nein.
Irgendwie ist morgen immer häufiger heute,
unschärfer sind die Umrisse der Dinge und Leute.
Wir schaffen Geständnisse unglaublicher Länge
und bekämpfen unsere menschlichen Dränge.
Und jedoch:
weiter, weiter ins Verderben
ins Nichts
Zerfall der Form
Zerfall der Erinnerung
als ich noch schreiben konnte
als ich noch konnte
als ich noch
als ich
als…
227 Lears, und die erste Zeile fällt mir nicht ein.
Man sagt, vortrefflich soll sein ein Gedicht,
und womöglich ehrlich, oder auch nicht.

 

 

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